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  • 14.04.2022

Eine Nacht in der Willkommenshalle

Ein Bericht, den uns ein ehrenamtlicher Helfer über seine erste Nachtschicht in der Willkommenshalle zur Verfügung stellte. Vielen Dank für den Einblick in die Erfahrungen.

Blick in die Halle

Es ist Mitternacht, es ist kalt. Ich checke ein in der „Willkommenshalle am Hauptbahnhof“. Genauer gesagt handelt es sich um ein Oktoberfest-Zelt, ad hoc aufgebaut auf dem Washingtonplatz für Ukraine-Flüchtlinge. Minuten später, nach dem Ausfüllen von ein paar Formularen, bin ich ehrenamtlich Mitarbeiter der Berliner Stadtmission für genau eine Nachtschicht von 0 Uhr bis 7 Uhr morgens. 20 Leute haben sich freiwillig gemeldet für diese eine Schicht, bunt gemischt, von Student bis Rentner alles dabei. Dazu besteht das Team aus drei Mitarbeitern der Berliner Stadtmission für die Koordination, und einer Handvoll Mitarbeitern der DB-Sicherheit. Wir werden kurz eingeführt, sind uns sofort alle per Du, und schon muss der Laden laufen; Teambuilding kann schnell gehen, wenn es sein muss.

Mann am Eingang

Mit einem anderen Ehrenamtlichen übernehme ich die Kontrolle der Eingangstür; Begrüßung der neuen „Gäste“, Maskencheck, herausfinden, ob in Berlin ein Schlafplatz gebraucht wird, oder ob es von Berlin aus später weitergeht in andere Städte in Europa. Über allem schwebt eine merkwürdige Atmosphäre; dies sind keine Gäste, die zum Urlaub an die Ostsee weiterfahren mit ihren Familien, obwohl es auf den ersten Blick so aussieht; Kinder mit Plüschtieren, Rollkoffer, Rucksäcken. Die Gesichter sprechen eine andere Sprache; ausdruckslos, übermüdet, selbst die Kinder verhalten sich atypisch merkwürdig ruhig. Dazu eine Frau, welche weinend das Zelt betritt, und es weinend wieder verlässt. Eine Frage kommt immer wieder: Wo bringt ihr uns hin? Auch aus dieser Frage heraus wird schnell klar, dass es keine Durchreisenden sind auf dem Weg in den Urlaub.

Wie geht es weiter?

Jeder, der schon mal in den Urlaub gefahren ist und dabei eine Unterkunft gebucht hat, will wissen: Wie ist die Unterkunft? Bei diesen Gästen in der „Willkommenshalle“ verhallt die Frage im Nichts. Bei mir entsteht eine Leere, ich ringe um eine Antwort, denn ich verstehe: von z.B. Warschau nach Berlin ist das Ziel klar. Dann werden sie von uns in einen Bus gesetzt, und das Ziel ist alles andere als klar. Eine Frau fragt mich, ob sie und ihre zwei Kinder in ein Hostel gebracht werden. Mir stockt der Atem. Was sollte ich antworten? Was heißt Sammelunterkunft auf Englisch? Ich hole eine Kollegin zur Hilfe, die Russisch kann und den Sachverhalt erklärt. Natürlich ist eine Sammelunterkunft allemal besser, als auf der Straße übernachten zu müssen. Das Nichts, die Leere entsteht dadurch, dass weder die Flüchtlinge noch wir wissen, wie es nach der Sammelunterkunft weitergeht. Ich schicke die Flüchtlinge also zum Bus, der sie in die Sammelunterkunft bringt, aber gefühlt schicke ich sie in das Nichts. Genau das ist der Job in dieser Nacht.

Eine andere Frau fragt mich, wie es sich mit den angebotenen Privatunterkünften der Berliner verhält. Ich erkläre ihr die Seite unterkunft-ukraine.de, sehe ihr Kind und lenke die Beratung dann in Richtung Sammelunterkunft. Das versteht man eben nur, wenn man mit dieser Situation konfrontiert ist. Dann fällt aus der Intuition heraus eine Entscheidung; es ist nett gemeint von Berlinern mit den Zimmerangeboten, aber direkt nach der Ankunft ist das nicht die richtige Maßnahme, so meine Meinung, welche ich mir in dieser Nacht dazu gebildet habe.

Ein anderes Beispiel: Gegen 3 Uhr (!) kommt eine junge Berlinerin in das Zelt und offeriert Schlafplätze. Total nett gemeint, wenn es denn ein seriöses Angebot ist, die Behörden sind diesbezüglich sensibilisiert. Wir schicken die Frau weg. In der Retrospektive meint eine Mitarbeiterin der DB-Security dazu: „Wir sind keine Zoohandlung.“ Das sind bitterböse Worte, aber die Frau trifft den Punkt. Wenig später betreue ich eine Frau mit zwei kleinen Kindern, offensichtlich aus einem islamischen Kulturkreis, sie kann nur gebrochen Russisch. Ich meine das vollkommen wertfrei, habe aber schon die Erfahrung gemacht, dass Frauen aus diesem Kulturkreis anderen Männern z.B. nicht oder selten in die Augen schauen. Genau dieses Verhalten bemerke ich bei dieser Frau.

Was bleibt? Hoffnung!

Im Zelt bildet sich eine Warteschlange, der nächste Bus in Richtung Sammelunterkunft fährt demnächst ab. Mit besagter Frau und ihren Kindern stehe ich in der Schlange, bringe später ihr Gepäck, oder besser gesagt ihre letzte Habe, welche sie unmöglich hätte allein tragen können, zum Bus. Es ist gegen 6 Uhr morgens, gen Osten ist die Sonne schon fast zu sehen. Es fühlt sich so an, als würde ich ihr Gepäck über ein langes Flughafenrollfeld zum Bus bringen. Im Bus passiert es dann; unsere Blicke begegnen sich und ich erkenne in ihrem Blick beides; Dankbarkeit und Hoffnung. In diesem einen Augenblick bekommt die Nachtschicht plötzlich einen Sinn; aus einer menschlichen Perspektive heraus gesehen bleibt immer die Hoffnung.

Wer das auch ausprobieren möchte:

Bild mit Regenbogen