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Dezember 2014

Straßenansicht mit Sonnenuntergang

Hallo ihr fleißigen Tagebuchleser,

diesmal habe ich das Privileg etwas für euch zu schreiben.        

Der Dezember kam so rasend schnell und ich frage mich nicht nur jetzt, kurz vor Weihnachten, sondern beinahe jeden Abend, wo die letzten 3 Monate hin verschwunden sind und wieso die Tage hier so kurz sind. Für mich liegt der Grund dafür in all den abwechslungsreichen und oft auch anstrengenden Tagen die wir hier verbringen.

Also, was war los im vergangenen Monat?
Viel. Sehr viel.
Die von allen geliebte NÜ (Notübernachtung) lief erfolgreich an und bereitet uns allen sehr viel Spaß. Wir schließen jeden Tag eine Menge neuer Bekanntschaften mit unterschiedlichsten Menschen aus Gemeinden, Arbeitsstellen oder Notübernachtung. Wir lernen uns gegenseitig, aber auch uns selbst, jeden Tag besser kennen und entdecken neue Seiten an anderen und uns. Wir dürfen uns jeden Tag aufs Neue in Gottes Gegenwart und Dienst stellen und unseren Mitmenschen dienen. Ich könnte euch jetzt zwar noch weiter von all dem Erzählen, was wir hier so erleben, aber ich glaube viel spannender sind einzelne Geschichten und ein paar davon möchte ich euch gerne, aus meiner Arbeit und Sicht, erzählen. (Namen und ggf. unwesentliche Umstände habe ich verändert um die Anonymität zu wahren)

Die Freiwilligen beim Plätzchenbacken am Küchentisch

Cum Fide und Obdachlosenambulanz

Also, ich arbeite während meines FJs hauptsächlich in zwei Einrichtungen, das ist zum einen eine Eingliederungshilfe für wohnungslose Menschen mit Alkoholabhängigkeit, zum anderen eine Arztpraxis für Wohnungslose. Ich kann euch sagen, man erlebt echt eine Menge krasser Sachen hier. Die Arbeit mit den Alkoholabhängigen ist oft sehr wechselhaft und anstrengend, da man immer hell wach und aufmerksam sein muss. Dort wohnen 15 Männer die schon sehr viel erlebt und manchmal auch überlebt haben. Viele von den Bewohnern haben sich mehrere Jahre auf der Straße durchgeschlagen, einer sogar ganze 20 Jahre, die meisten saßen schon im Gefängnis, waren in irgendwelche kriminellen Szenen wie die Hooliganszene abgerutscht oder haben traumatische Erlebnisse hinter sich. Im Großen und Ganzen kann man wirklich sagen, die Männer dort sind echt kaputt. Und diejenigen, die noch einen relativ stabilen ersten Eindruck machen, rafft dann der Alkohol noch dahin und man ist ziemlich hilflos den Menschen aus dieser Spirale, die sich immer schneller dreht und die Leute nach unten zieht, heraus zu helfen.Ein trauriges Paradebeispiel dafür ist Michael. Im Grunde ein freundlicher und gutaussehender Mann im mittleren Alter dem das Leben noch so einiges bereit halten könnte, wären da nicht die regelmäßigen Alkoholabstürze. Ich komme aus einem kleinen Dorf und habe zuvor noch nie gesehen wie ein Mensch eine Flasche Hochprozentiges ohne Abzusetzen in sich hinein schütten kann, hier gehört das leider zum alltäglichen Geschäft. Aber wie auch immer, am schwersten fällt es mir die Hoffnungslosigkeit der Menschen zu ertragen, die sich selbst schon total aufgegeben haben und im Kampf gegen den Alkohol immer wieder verlieren. Michael schafft es oft über Wochen hinweg dem Druck standzuhalten, entwickelt einen Plan für seine Zukunft und schöpft wieder neue Hoffnung auf ein trockenes Leben. Bis der Suchtdruck irgendwann zu groß wird und die Spirale beginnt, sich von neuem zu drehen.

Für die Arbeit in dieser Einrichtung ist mir in den vergangenen Wochen etwas klar geworden, der Kampf gegen den Alkohol ist in etwa wie der Kampf gegen den Teufel. Wir sind Menschen und begehen immer wieder aufs Neue Sünden, geben dem Bösen nach, und der einzige der uns aus diesem persönlichen Teufelskreislauf retten kann, ist Jesus Christus. Und genau das gilt auch für unsere Bewohner in der Eingliederungshilfe für Abhängige. Ich selbst bin machtlos, aber wir haben den stärksten Gott an unserer Seite und der kann Michael und alle anderen befreien, und das gibt mir, und auch den anderen Freiwilligen in ihren Einrichtungen, Kraft.

Die andere Einrichtung, die Arztpraxis für Obdachlose, gleicht für mich ein bisschen einer Pralinenschachtel, denn wenn man dorthin zur Arbeit geht, weiß man nie was auf einen zukommt. Manchmal verläuft die Sprechstunde ganz entspannt, die Gäste sind nett und freundlich, haben keine schweren Verletzungen oder Krankheiten, wollen ein paar frische Klamotten, eine warme Dusche, einen heißen Kaffee und ein nettes Gespräch.

Aber es gibt auch Tage, an denen man vor die Herausforderung gestellt wird, seine eigenen Schmerzgrenzen auszutesten oder sogar darüber hinaus zu gehen. Das sind die Momente in denen man wirklich etwas über sich selbst lernt. Zum Beispiel hätte ich vor 3 Monaten vermutlich noch Reißaus genommen wenn ein Patient mit Kopf- oder Kleiderläusen sich intensiv mit mir unterhalten möchte oder mir seine alten, stinkenden Klamotten entgegenstreckt. Heute kratzt es mich, im wahrsten Sinne des Wortes, kein Stück mehr ob ein Patient nur ein Pflaster braucht oder mit hundertfacher Begleitung, ihr versteht was ich meine, bei uns erscheint. Allerdings gibt es natürlich auch heute noch Situationen denen ich mich nicht ganz gewachsen fühle. Vor ein paar Wochen war ich in so einer Situation.

Wir hatten einen neuen Gast, einen ziemlich krassen Fall der das komplette Programm an typischen Obdachlosenkrankheiten mitgebracht hat. Der etwas ältere Herr hatte augenscheinlich eine psychische Störung und Anfälle, einen schlimmen Hautausschlag wodurch er am ganzen Körper aufgekratzte Ekzeme hatte und weil das alles noch nicht genug war, auch noch Kopf- und Kleiderläuse die dank der vielen Wunden natürlich ihre Partys feierten. Der Mann tat einem wirklich leid, aber war auch eine echte Herausforderung für alle Anwesenden. Nachdem er geduscht wurde, habe ich mir den Läusekamm geschnappt und angefangen seine Haare damit durchzukämmen. Es war wirklich unbeschreiblich. Richtig krass. Ekelhaft. Allerdings konnte ich dem Erlebten noch am gleichen Abend und bis heute nur positives abgewinnen.

Foto zweier FSJler

Wir alle, wir Freiwilligen, sind hier her nach Berlin an einen bestimmten Platz gerufen. Natürlich macht die Arbeit nicht jeden Tag Spaß und natürlich hat man auch mal einen Durchhänger, aber was man geben kann ist nichts im Vergleich zu dem, was man bekommen kann.

Seit ich hier bin, also mittlerweile fast 4 Monate, lerne ich eine komplett andere Seite des Lebens kennen und darf so viel Dienen und Helfen wie vorher noch nie. Ich sehe es als Geschenk, die Möglichkeit zu haben so viel Gutes zu tun und das jeden Tag. Es ist eine Bereicherung für mich selbst und ich denke das geht uns allen hier so.

Jesus  hat vor 2000 Jahren seinen Jüngern die Füße gewaschen und er fordert uns auf „wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein“ (Joh. 12,26) und in jedem Menschen, dem ich begegne, darf ich Gott selbst sehen und ihm in Nächstenliebe begegnen, sei es eine Begrüßung, ein Gespräch, eine kleine Hilfe oder auch ein Entlausen, das spielt keine Rolle, denn es sind alles Dinge, mit denen ich nicht nur dem Menschen, sondern auch Gott diene und ihm nachfolge.

Zum Abschluss noch eine Bibelstelle die mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt und begleitet hat, sie steht in Matthäus 25, 35-40:

Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen;  ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Seid fett gesegnet,

Elli Puchta