SPENDENKONTO

IBAN:
DE63 1002 0500 0003 1555 00
BIC: BFSWDE33BER

Bank für Sozialwirtschaft
Verwendungszweck:
Kältehilfe

Ansprechpartner

Ulrich Neugebauer

Nummer für Spendenanfragen:
Tel.: 030-690 33-510

Spenden-Button
Button Mission
Button Gästehäuser

24. Dezember 2010-II

Die Heilige Nacht des Kältebus

Vorsichtig stapfen wir durch den knöchelhohen Schnee des kleinen Parks, durchqueren ein riesiges offenes Parkhaus und kriechen schließlich gebückt in die kleine Nische unter einer Auffahrt. Leise Musik aus einem Taschenradio weist uns den Weg zu einem Mann, der zwischen alten Sofas und Kisten, angefüllt mit Krimskrams, schläft. Unser Wunsch nach einem gesegneten Weihnachtsfest, die Geschenktüte und der heiße Tee, den ich ihm in seine Thermoskanne gieße, freuen ihn. Einen Schlafsack aber lehnt er ab, obwohl unter seiner dünnen Wolldecke die nackten Füße hervorschauen. Nein, sagt er, kalt sei ihm nicht.

Langsam fährt der Bus durch die verschneiten Straßen. Hinter dem Steuer sitzt Dirk, ehrenamtlicher Fahrer, hauptberuflich Leiter eines Seniorenheimes. Neben ihm sitzen "Wolle", den wohl jeder Berliner Wohnungslose kennt, und ich, die diese Arbeit des Kältebus® vor 16 Jahren zusammen mit Kollegen ins Leben gerufen hatte. 93 Kilometer fahren wir in dieser Nacht quer durch Berlin, getreu dem Leitwort der Berliner Stadtmission auf der Suche nach "dem Besten der Stadt". Zu Beginn der Fahrt haben wir Gott um seine Führung gebeten.

Vielleicht entspricht es dem Wesen der Heiligen Nacht, dass Schenkende zu Beschenkten werden.

Das große leere Gebäude des Polizeiabschnittes 41 wo die Gründerin der "Polizisten für Obdachlose" und ihre Mitarbeiter im einzigen halbwegs gemütlichen Raum vor dem großen Fernseher auf die alltäglichen Notfälle der Großstadt warten, wirkt riesig und fremd in seiner leeren Stille. Die Überraschung und Freude darüber, dass wir in dieser Nacht an sie gedacht haben, springt auf uns über.

Im Spandauer Wirtshaus "Zur Post" sammeln wir nicht nur den dort seit Stunden wartenden gehbehinderten wohnungslosen Mann auf, sondern bekommen noch ein Pfund Kaffee und 3,33 € Spende mit auf den Weg. Die Wirtin, die in früheren Zeiten selber an der Bahnhofsmission für ein paar Brötchen angestanden hat, bevor sie ihre Drogensucht unter die Füße bekam, hatte uns früh am Abend angerufen.

Das Telefon in meiner Jackentasche klingelt wohl 20 Mal in dieser Nacht: Polizei, Krankenhaus und Feuerwehr, Privatpersonen, Menschen, die Hilfe erbeten oder anbieten.

Auf dem Alex geben wir ein kurzes Statement für die Live-Sendung des rbb Fernsehens und laufen anschließend durch den kalten Bahnhof. Ein Engländer steht versonnen vor einer Schaufensterscheibe und schaut nachdenklich auf sein Spiegelbild. Vier schnorrende, betrunkene Punks und fünf frierende Polizisten bekommen "Schwyzer Wundertüten", die in großer Anzahl von Dirk gemeinsam mit seinen Senioren und Kindern des benachbarten Sozialprojektes "Teen Challenge" gepackt wurden. Wie schön, dass eine kleine freundliche Geste solch strahlende Freude bei denen hervorruft, die diese Nacht nicht zuhause im Warmen bei der Familie verbringen.

Es ist lange nach Mitternacht, als wir Helmut mit seinem prall gefüllten Einkaufswagen von der Bahnhofsmission in die Franklinstraße fahren. Hier empört er sich darüber, dass ihm ein Bett zugewiesen werden soll: "Ich möchte einfach nur in Ruhe irgendwo sitze, meinen Tee trinken und mir frische Socken aus meinem Wagen suchen!" Seitdem ihn vor drei Nächten Jugendliche auf dem U-Bahnhof Hansaplatz überfallen, zusammengeschlagen und beraubt hatten – 9,60 € war die erbeutete Summe – plagen ihn heftige Kopfschmerzen. Seine Antwort auf meine besorgte Frage, ob er bei einem Arzt gewesen sei, gibt er keine wirkliche Auskunft: "Ist in Arbeit…"

Auch René aus Sachsen-Anhalt gabeln wir samt Hund in der Bahnhofsmission auf. Seine Weihnachtsbegegnung mit der Mutter früher am Abend endete im Desaster. Während wir durch die weihnachtliche Großstadt fahren, erzählt er von sich. Als 16jähriger floh er mit Mutter und Schwester in Vorwendezeiten über Prag nach Westdeutschland, fand dort aber nie wirklich ein neues Zuhause. Für den jungen Veganer, der so gerne alles richtig machen möchte, wird diese Nacht mit ihrem Verloren- und Gefunden werden und der Fahrt mit dem Kältebus durch die winterliche Stadt vielleicht in Erinnerung bleiben. Ich erinnere mich an eine lang zurückliegende Schullektüre und gebe ihm die Buchempfehlung "Der Fänger im Roggen" mit auf den Weg. Später bei der Einlasskontrolle der Notübernachtung bejaht er die Frage nach mitgebrachten Drogen und fragt, ob er den Tabak abgeben müsse.

Um kurz vor drei werden von uns noch zwei Männer nach kurzer Behandlung im Bundeswehrkrankenhaus zurück in die Lehrter Straße gefahren. Fast 300 Gäste haben dort im Festsaal am Abend gemeinsam Weihnachten gefeiert, 150 von ihnen finden nun in der Notübernachtung Schutz vor der Kälte. Aber das ist die Heilige Nacht der Notübernachtung und eine andere Geschichte.

- Karen Holzinger, Leiterin der Kältebus-Arbeit