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2. November 2012

Schön, dass du noch lebst!

 

Gott sei Dank konnte ich diesen Satz bei meiner ersten Fahrt der neuen Saison öfter als einmal sagen.

Schon viele Tage vor Saisonstart hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, welche bekannten Gesichter ich in diesem Winter auf der Straße wiedersehen würde. Hatten die Menschen, die wir in der letzten Saison in Parks, unter Brücken, in Bushaltestellen und auf der Straße besucht und betreut hatten, alle überlebt? Wen würden wir lebend wieder finden?

In dieser Nacht wurde ich von unserer neuen hauptamtlichen Kältebusfahrerin Susanna begleitet, der ich an dieser Stelle für ihre erste Saison viele gute und gesegnete Begegnungen wünschen möchte. Unsere erste Fahrt führte uns zur Schlossparklinik, wo wir einen obdachlosen Mann abholten. Der aus Jugoslawien stammende Mann erzählte uns von seiner Familie, die tot sei und er selber keine Lust mehr am Leben verspüren würde. Da er die Frage in den Raum stellte, wieso Gott den Tod seiner Familie zugelassen habe, führten wir ein ausgiebiges Gespräch über den Tod, das Leben, Gott und dass das Leben trotz aller Schicksalsschläge lebenswert ist. Es ist wahrlich nicht einfach, sich von einem verzweifelten Menschen zu verabschieden, nachdem man ihn zwar wohlbehalten in einer Notunterkunft untergebracht hat, er aber am nächsten Morgen mit seinem Leid wieder auf der Straße stehen wird.

Wir machten uns auf den Weg, um an den uns bekannten Stellen nachzuschauen, ob vielleicht jemand unsere Hilfe braucht. In einem Park an der Turmstraße fanden wir auf einer uns wohlbekannten Parkbank zwei vermummte Gestalten. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als die beiden ihre Köpfe aus ihren Schlafsäcken streckten und ich "Birgit" und "Stephan erkannte, die seit nunmehr fünf Jahren auf der Straße leben. Beide sahen erstaunlich gut aus und waren auch mit warmer Kleidung ausreichend versorgt. Leider hatten wir an diesem Abend keine „Yogurette“ dabei, die Birgit so sehr liebt. Wir versorgten beide mit Tee und Kuchen, der aus einer Lebensmittelspende stammte.

Dann setzten wir unsere Fahrt Richtung Innsbrucker Platz fort und als ich die Sparkasse sah, in deren beheizten Vorraum wir in den letzten Jahren stets Bernhard angetroffen, hielt ich am, Straßenrand an. Bernhard war weder in der Sparkasse, noch in der näheren Umgebung zu sehen. Etwas ratlos stellte ich den Motor ab und überlegte, wo Bernhard ansonsten zu finden sein könnte. Mein Blick fiel auf eine weiter entfernte Bushaltestelle und in der offenbar jemand sein Nachtlager aufgeschlagen hatte. Mit der nächsten Ampelphase passierten wir den Kreisverkehr und erkannten beim Näherkommen, dass in der Bushaltestelle ein Mann und eine Frau gemeinsam mit ihren drei Hunden ihr Lager aufgeschlagen hatte. Die Hunde, von denen der elf Wochen alte Welpe in einem alten Kinderwagen saß, begrüßten uns lautstark und auch das Paar freute sich sehr über unseren Besuch. Die Frau stellte sich als Vivian vor und erzählte uns, dass sie schon seit ein paar Jahren „Platte machte“.

Wir versorgten beide mit Tee, Kuchen und Kleidung und unterhielten uns schon eine Zeitlang, als ich in einer anderen Bushaltestelle, die vorher nicht zu sehen war, eine in sich zusammengesunkene Gestalt erkannte – Bernhard! Ich freute mich sehr, den alten Haudegen, der nach eigenen Erzählungen Bubi Scholz und Chuck Norris persönlich kannte, lebend wiederzusehen. Als ich Bernhard wenige Minuten später mit Handschlag begrüßte, erschrak ich ein bisschen darüber, wie stark er in den Sommermonaten körperlich abgebaut hatte. Er erzählte mir, dass er starke Schmerzen in den Beinen habe, die seit einiger Zeit offene Stellen haben. Susanna und ich beratschlagten, wie wir Bernhard am besten an einem der kommenden Abende zur Ärztin in die Lehrter Straße transportieren können. Denn Bernhard lehnte es stets ab, uns in die Notübernachtung zu begleiten, da er seinen wertvollsten Besitz – einen Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten nicht alleine lassen will. Wir werden sehen, ob wir es schaffen, Bernhard von einer ärztlichen Behandlung zu überzeugen.

Bei der Vielzahl der unterschiedlichen Begegnungen, die man hier gar nicht alle erwähnen kann, verging unsere erste Nacht der Saison wie im Fluge.

So unterschiedlich die Begegnungen in dieser Nacht auch waren – am schönsten war die Freude darüber, dass Bernhard, Birgit und Stephan noch lebten!

Dirk Trost, Ehrenamtlicher Kältebusfahrer

 

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