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8. November 2012

Eine Mission - Eine Nacht - Unterwegs mit dem Kältebus

Sonntag 4. November, 21.00 Uhr, 8 °Celsius, Nieselregen.

Zum dritten Mal beginnt für mich, frischgebackene Kältebusfahrerin der Berliner Stadtmission, die Schicht. Ich bin müde, habe leichtes Kopfweh und fröstele. Dass mir die Umstellung auf Nachtarbeit doch zu schaffen machen würde, hatte ich irgendwie nicht erwartet. Aber ich werde eben auch nicht jünger. Jetzt hält Artur mir den Autoschlüssel hin: "Du fährst", sagt er. Klar, meine Lehrzeit ist morgen vorbei. Ich möchte sie auch nutzen, diese letzte Gelegenheit zum "Mercedes Vito"-Fahren unter Aufsicht. Vorsichtig rolle ich vom Hof. Einen Moment lang fühle ich mich wie in der Fahrschule. Ich schüttele dieses uncoole Gefühl ab - zusammen mit den Kopfschmerzen und der Müdigkeit. Wir haben schließlich eine Mission zu erfüllen. Nur die kalten Füße werde ich die ganze Nacht behalten.

Zuerst stoppen wir am Pariser Platz. Dort protestieren Unterstützer von Asylbewerbern gegen die ihrer Meinung nach restriktive deutsche Asylpolitik. Seit Mittwoch vergangener Woche halten sie am Brandenburger Tor Mahnwache. Sie freuen sich sichtbar, uns zu sehen, brauchen aber nichts. Wir versprechen, am Ende unserer Tour noch einmal vorbeizuschauen und fahren weiter.

Artur möchte in den Park an der Reichenberger Straße; er hat Neuigkeiten für F., der dort völlig autark lebt und auch bei -24 C nicht zu einer Notübernachtung mitkommt. Wir parken den Bus unter Bäumen und steigen aus. Ein bärtiger Mann steht plötzlich neben uns. Fast ein bisschen zu plötzlich, ich bin etwas erschrocken. Es ist tatsächlich F. Eine Zigarette und einen Becher Kaffee nimmt er gerne. Nach einer Weile beginnt Artur das Gespräch: Eine Email habe er erhalten von F.'s Schwester (die hatte Artur im Fernsehen gesehen, d.Red.); Diese Schwester wüßte gerne, ob der Kältebus vielleicht Kontakt zu ihrem Bruder F. hat. Ob er, Artur, ihr Nachricht zukommen lassen dürfe? F. läßt sich eine gefühlte Ewigkeit Zeit mit der Antwort. Schließlich nickt er. "Möchten Sie Ihre Schwester nicht wiedersehen?", platze ich heraus. F. schaut lange nachdenklich drein, wiegt den Kopf hin und her und zuckt schließlich unschlüssig mit den Schultern. "Diese Geschichte ist ja noch nicht zu Ende", wird Artur mir später im Bus sagen.

Die Nacht schreitet fort: An einer Bushaltestelle am Innsbrucker Platz treffen wir V. , S. und B., zusammen mit ihren Hunden. Leider ist R. nicht dabei. Ich hatte gehofft, ihn zu sehen. Er hat offene Beine, Schmerzen, und es ging ihm gar nicht gut vor zwei Tagen. In einer Sparkasse finden wir einen resigniert blickenden Polen. Er nimmt unser Angebot an und lässt sich zu einem Schlafplatz in die Johanniter Straße bringen. In der Postbank an der Skalitzer Straße sprechen wir mit einem intellektuellen Gras rauchenden, Höchstleistungssport treibenden, asiatischen Moslem und Informatiker, der per Computer den "Arabischen Frühling" initiiert hat. Wir sind nicht übermäßig beeindruckt; er freut sich aber sehr über den Kaffee.

Es ist eine ruhige, nicht zu kalte Nacht. Der Regen hat auch aufgehört. Die meisten Obdachlosen haben wohl bereits ein gutes Plätzchen zum Schlafen gefunden. Am Ostbahnhof jedenfalls hängt niemand mehr rum; auch auf dem Platz an der Cuvrystraße liegen alle brav in ihren dunklen Zelten - lediglich ein paar Ratten huschen hin und her. Am Pariser Platz teilen wir unseren letzten Kaffee aus und fahren dann zurück in die Lehrter Straße. Ab der nächsten Tour bin ich selbst für Strecke, Bus und Beifahrer verantwortlich. Artur fährt an den Tagen der Woche, an denen ich frei habe und umgekehrt. Wir verabschieden uns.

Susanna Krügener, Kältebusfahrerin

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