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06. November 2013

Angst? Nein, Respekt!

Berlin, 06. November 2013. Es geht los. Wochenlange, wenn nicht sogar monatelange Vorbereitung sollte sich jetzt auszahlen. Doch wird alles tatsächlich so klappen, wie ich es mir vorgestellt habe? Das Herz klopft schnell und laut während sich alle Mitarbeiter zur Andacht zusammenfinden. Es ist schwer sich auf die Worte von Arthur und Martin zu konzentrieren. Die Gedanken liegen nur bei den vielen Menschen, die jetzt vor der Tür warten, um reingelassen zu werden. Ihnen ist kalt. Sie sind betrunken, stehen unter Drogen und haben Hunger. Wir können ihnen helfen. Wir sind hier, um sie zu schützen, ihnen unter die Arme zu greifen und einfach nur da zu sein.

Es sind bekannte Gesichter dabei. Einer hat sich einen Bart stehen lassen. Ein anderer trägt nun kürzere Haare unter seiner Mütze. Und doch erkennen wir sie wieder. Und auch sie scheinen sich an die letzte Saison erinnern zu können und begegnen uns mit einem herzlichen Wiedersehenslächeln. Doch es sind auch viele Gesichter dabei, die uns unbekannt sind. Viele junge Menschen. Zu viele junge Menschen. Wir fragen uns, wie es dazu kommt, dass solche jungen Menschen, vielleicht gerade 19 Jahre alt - das ist bei Obdachlosen schwer festlegbar - auf der Straße leben. Sie verstehen unsere Sprache nicht. Sie sind teilweise aggressiv. Sie haben Angst und Skepsis.

Mitten unter ihnen bin ich, Maike. Eine 18-jährige Freiwillige der Berliner Stadtmission, die ab jetzt jeden Mittwoch in der Notübernachtung in der Lehrter Straße arbeiten wird. Ob ich Angst habe? Nein, so würde ich es nicht nennen. Eher Respekt.

Unerwartet Nähe zu den Gästen

Ich habe in der letzten Saison bereits zwei Abende in die Arbeit hineinschnuppern dürfen, aber zu wissen, dass ich als richtige Mitarbeiterin fünf Monate lang hier mithelfen würde, ist schon noch etwas anderes. Mir wird klar, dass es nicht einfach werden wird, aber dass ich hier viel mitnehmen werde und – was noch von wesentlich größerer Bedeutung ist – viel mitgeben darf.

"Maike geht mit an die Tür zum Abtasten." Wie? Ich? Abtasten? Am ersten Abend? Gerechnet hatte ich eigentlich mit Küche oder hinterm Tresen, aber so viel Kontakt und Nähe zu den Gästen direkt beim ersten Mal? Na gut, da muss ich nun durch. Ich hätte zwar widersprechen können, aber irgendwie sah ich es als Herausforderung und empfand es auch als spannend an der Tür zu arbeiten. Einige Gebete in den Himmel sendend folgte ich Kamü, Grit, Julia und Sebastian zum Eingang, wo wir noch einmal eingewiesen wurden. Bereits nach zweimal zusehen sollte ich selbst Hand anlegen. Ich tastete Arme, Beine, Taschen und Schuhe ab auf der Suche nach Alkohol, Drogen oder Waffen.

Routine stellt sich ein

Ein paar Gäste später hatte ich das Gefühl bereits routiniert zu sein und keine allzu große Hemmschwelle mehr. Natürlich, kommt ein anzüglicher Kommentar oder Blick, so schicke ich die männlichen Gäste weiter zum gleichgeschlechtlichen Kollegen. Dann ist die Enttäuschung oft groß, aber mir wäre es unangenehm jemanden abzutasten, der es ‚genießt‘ angefasst zu werden. Denn die Funktion des Abtastens ist nun einmal eine andere. So gut wie immer war nichts zu finden und die Begrüßung, Registrierung und Unterhaltung mit den Gästen stand im Vordergrund. Bis auf das eine Mal. Ein polnischer Mann versuchte eine kleine Flasche Alkohol im Schuh mit hineinzuschmuggeln. Die Regel besagt, dass bei einem bewussten Schmuggelversuch Hausverbot ansteht. Doch diesmal drückten wir noch ein Auge zu, da er scheinbar eine Menge Reue zeigte. Die Flasche konfiszierten wir natürlich und brachten sie im Gepäckraum unter.

Für jedes Gepäckstück bekommen die Gäste eine Nummer zugewiesen, mit der sie ihr Hab und Gut am nächsten Morgen wieder abholen können. Es werden nur die Taschen durchsucht, die die Gäste mit in den Aufenthaltsraum nehmen. Die abgegebenen Sachen werden ungeöffnet über Nacht gelagert. Nicht abgeholtes Gepäck wird drei Tage aufgehoben, anschließend nach Papieren und Wertgegenstände durchsucht und der Rest entsorgt.

"Nein!"-Sagen fällt schwer

Vielen Menschen, die die Notübernachtung in Anspruch nehmen, sieht man es sofort an, dass sie wohnungslos sind. Doch mehrere Male wurde ich überrascht, wie gepflegt manche erscheinen und doch auf der Straße leben. Einmal habe ich sogar einen Gast mit einem Mitarbeiter verwechselt, was mir schrecklich peinlich, dem Gast aber ein riesiges Kompliment, das er lachend entgegennahm, war. Ein Gast sagte, er sei nur hier, weil er sich heute ausgesperrt habe. Von anderen Mitarbeitern wusste ich aber, dass es sich um einen Langzeitobdachlosen handelt, der hier bereits bekannt war. Auch er wirkte sehr gepflegt. Saubere Kleidung und glattrasiertes Gesicht deuteten darauf hin, dass seine Geschichte stimmen könnte, aber dennoch wurde ich eines besseren belehrt, dass das Aussehen nicht immer mit den sozialen Hintergründen konform geht. 

Nachdem alle Gäste, die bis 21:30 Uhr da waren, hineingelassen wurden, beginnt eine Pause bis 23:30 Uhr, in der ich die Kleiderkammer geleitet habe. In der Notübernachtung handelt es sich jedoch um eine Notkleiderkammer, sodass lediglich dann Kleider und Schuhe ausgeteilt werden, wenn es sich um einen Notfall handelt. Socken und Unterwäsche gibt es nur in besonderen Fällen und ansonsten montags und freitags. Es fiel mir sehr schwer "nein" zu sagen, wenn ich nach einer neuen Hose gefragt wurde obwohl die, die der Gast in diesem Moment trug, noch völlig ausreichend war. Dann wurde ich oft angebettelt und es war für mich sehr schwierig nicht nachzugeben.

Vorfreude trotz Überforderung

Neben der Kleiderkammer befindet sich der Ärzteraum. Ich bekam mit, wie ein Mann der Ärztin mitteilte, dass er Kleiderläuse besaß. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen und wusste nicht mit der Situation umzugehen. Auch ein Mann, der eingenässt hatte, überforderte mich und ich suchte mir Hilfe bei den hauptamtlichen Mitarbeitern. Ich war froh, dass ich so gut betreut wurde und auf jede noch so dämlich scheinende Frage eine vernünftige, respektvolle Antwort erhielt und auf meine Wünsche/Ängste eingegangen wurde. Zu wissen, dass ich jederzeit bescheid sagen konnte, dass ich lieber in die sichere Küche möchte, tat gut und gab mir mehr Sicherheit.

Entgegen meiner Erwartungen, dass ich erst ein paar Tage brauchen würde, bis ich meine Hemmschwelle überwinde und den Gästen wirklich auf Augenhöhe begegnen kann, wurde ich bereits ziemlich am Anfang gelassener und machte Späße mit ihnen. Auf Flirtversuche und Komplimente reagierte ich lässig und nicht, wie ich es von mir gedacht hätte, verwirrt oder schüchtern.

Alles in allem hat mir die Arbeit unglaublich viel Spaß gemacht und ich würde am liebsten gleich morgen wieder dort sein. Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Woche und hoffe, dass ich noch mehr Kontakt zu den Menschen aufnehmen kann.

Maike Ahlers, Freiwillige

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