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18. Januar 2014

Was das diesjährige Winterwetter anbelangt bin ich hin- und hergerissen. Einerseits bin ich sehr froh und erleichtert, dass sich der Winter in diesem Jahr milde zeigt und den Menschen auf der Straße das Leben nicht noch schwerer macht, als es ohnehin schon ist. Andererseits finde ich es auch ziemlich blöd und unromantisch, bei 9 Grad plus Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt zu trinken. Ich denke natürlich auch an die Kinder, die in diesem Winter weder rodeln noch eine Schneeballschlacht machen können. 

Diese und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als Sophia und ich in dieser „milden" Nacht bei + 6°C mit dem Kältebus auf der Stadtautobahn Richtung Flughafen Schönefeld unterwegs waren.

Angesichts der aktuellen Temperatur und der schnee- und glatteisfreien Straßen, zeigte sich auch unser Notrufhandy milde und hüllte sich in Schweigen. Da ansonsten in den Wintermonaten in den Nächten meist Hochbetrieb herrscht, nutzten wir die Gelegenheit zu einem Rundgang auf dem Flughafen, in dem sich aufgrund der gut geheizten Räume einige wohnungslose Menschen gerne ihre Nächte verbringen. An dieser Stelle ganz herzlichen Dank an die Flughafenpolizei und Security aber auch an die Flughafenverwaltung, welche die obdachlosen Menschen in den kalten Nächten nicht auf die Straße setzt.

„Vorausgesetzt, wir benehmen uns gut!", erklärte mir Bernd, den wir im Gate A trafen. „Dann dürfen wir hier bleiben und schlafen."
Bernd hatte uns schon von Weitem kommen sehen und begrüßte uns freundlich und mit verschmitztem Gesichtsausdruck.
„Na, heute ist wohl nicht viel los, oder?", grinste er mich an.

Bernd lebt schon seit zehn Jahren auf der Straße und hält sich auch gerne im Flughafen auf, weil es dort warm ist und es viele interessante Menschen zu beobachten gibt.

„Seit zwei Jahren bin ich jetzt trocken und trinke keinen Schnaps mehr!", sagte Bernd, „na, aber die vier Flaschen Bier brauche ich schon noch. Aber die kippe ich nicht ab, sondern verteile sie auf den ganzen Tag. Ich bin ja schließlich kein Säufer!", klopfte Bernd sich stolz an die Brust.

Nach zehn Jahre endlich eine Wohnung

Während wir noch plauderten, kramte Bernd in seinem Rucksack und zog ein paar Papiere raus.
„Hier!", sagte er und wedelte mir mit den Papieren vor der Nase herum. „Ab Montag habe ich eine Wohnung!"
Ich sah ihn ungläubig an und konnte gar nicht glauben, dass er nach zehn Jahren Straße eine solche sensationelle Wendung in seinem Leben mal so nebenbei erwähnte.
„Kannste mir ruhig glauben.", grinste er mich spitzbübisch an und fragte, ob wir ihn zu einem Schlafplatz mitnehmen könnten, damit er am kommenden Montag bereits in Nähe des Amtes wäre, bei dem er dann die letzten Formalitäten erledigen musste.

Ich hab sie doch geliebt

Obwohl die Nacht mild war, waren so gut wie alle Schlafplätze in allen Notübernachtungen belegt. Sophia schaffte es trotzdem, nach wenigen Telefonaten einen Platz für Bernd in der Notübernachtung 2 in der Johanniterstraße zu bekommen.

Während wir mit Bernd auf dem Rücksitz durch die dunkle Nacht Richtung Notübernachtung fuhren, erzählte er mir, dass der Alkohol auch seine Beziehung zerstört hatte.

„Ich hab sie doch geliebt.", brummelte Bernd halblaut vor sich hin.
„Weißt du denn, wo deine Ex lebt?", wollte ich wissen.
„Na, klar!"
„Wenn du dich in deiner neuen Wohnung eingerichtet hast, kannst du sie doch mal besuchen.", schlug ich vor. „Wer weiß, vielleicht kommt ihr wieder zusammen."
„Am Montag hat sie Geburtstag.", sagte er beiläufig.
„Dann kauf Blumen Mann!", entfuhr es mir. „Kauf ein paar Blumen und geh zu deiner Liebsten und gratulier ihr zum Geburtstag."
Bernd schwieg.
Nach einer ganzen Weile meinte er leise „Ich glaub, ich lieb sie immer noch."
„Dann kauf Blumen und geh am Montag hin!", ich warf einen Blick in den Rückspiegel, wo Bernd nur als Schattenriss zu sehen war.
„Meinst du?", fragte er zweifelnd.
„Na klar! Du hast allen Grund, auf dich stolz zu sein. Du hast es ganz allein geschafft, mit dem Schnaps aufzuhören. Und du hast es ganz alleine geschafft, dich um eine Wohnung zu kümmern!", zählte ich auf.

Bernd rutschte nach vorne „Ja, ich wollte weg von der Straße, so ging das ja nicht mehr weiter. Und dann habe ich mich eben drum gekümmert. War nicht ganz einfach, mit den ganzen Behörden und so, aber ich hab`s geschafft."
„Du kannst stolz sein, auf dass, was du geschafft hast!", sagte ich.
„Bin ich auch.", Bernd nickte.
„Na siehst du.", sagte ich. „Du hast allen Grund stolz zu sein und aufrecht zu deiner Liebsten zu gehen, um ihr Blumen zu schenken. Ein schöner Beginn deines neuen Lebens."
Der Gedanke schien Bernd zu gefallen, denn er nickte freudig.
„Das mach ich!", sagte er bestimmt.
„Abgemacht?"
„Abgemacht!

Ein Traum für uns Helfer

An der Notübernachtung angekommen, brachten wir Bernd noch zum Eingang und verabschiedeten uns mit guten Wünschen von ihm.

Während wir zurück zum Kältebus gingen warf ich noch einen Blick über meine Schulter und sah durch die Glasscheibe, wie Bernd geduldig darauf wartet, dass er an die Reihe kam.

„Ich wünsch dir viel Glück, Bernd!", murmelte ich lautlos.

In den fünf Jahren, in denen ich Kältebus fahre, habe ich schon eine Menge Geschichten gehört, aber das mir jemand wie Bernd so nebenbei erzählt, dass er die Kraft gefunden hatte, seinem Leben eine solch entscheidende Wendung zu geben – von solchen Begegnungen träumen wir Helfer, denn sie geben uns Kraft und machen uns glücklich.

Dirk Trost, Ehrenamtlicher Kältebusfahrer

 

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