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20. Dezember 2013

"Das Geld hält mich über Wasser, aber es verändert nicht mein Leben."

Er sitzt neben dem Eingang eines Telekomladens in Charlottenburg, Berlin. Umgeben von Tüten. Es ist Anfang November. Michael wischt sich mit seinen abgefetzten  Pulloverärmeln durch seinen zerzausten Bart und fängt an zu reden:

"Viele Menschen geben mir Geld. Manchmal bekomme ich fünf oder zehn  Euro von ihnen. Ich mache hier locker 30 Euro am Tag. Eines Tages kam hier sogar ein Restaurantbesitzer aus dem Viertel vorbei. Er drückte mir 500 € in die Hand. Das Geld hält mich über Wasser, aber es verändert nicht mein Leben."

Michael lebt auf der Straße und konsumiert seit 20 Jahren Heroin. Man hört ihm gerne zu, er spricht klar und wirkt sehr ehrlich. Er zeigt auf das Gebäude in der Nebenstraße:  "Hier bin ich zur Schule gegangen. Ich kann mich noch genau an meine Einschulung erinnern. Ich trug eine Lederhose und fühlte mich total fehl am Platz. Die Hose war so eng und ungemütlich. Ich habe sie gehasst."

Kaputte Beine – kaputtes Leben

Beide Beine von Michael sind offen. Von den Füßen bis zum oberen Schienbein. Die Wunden stinken. Einmal haben Anwohner aus dem dritten Stock die Polizei gerufen, damit sie Michael wegbringen, weil es so stinkt. Seitdem die Venen an den Leisten zu klein sind, spritzt er sich das Heroin in die Beine. Der Stoff nennt sich Crocodile, kommt aus Russland und zerstört die Haut und das Gewebe im Umkreis der Einspritzstelle.

Michael wird vier Wochen lang von verschiedenen Teams des Kältebusses der Berliner Stadtmission besucht. Sie bringen ihm Tee und Schokolade, sie fragen ihn, wie es ihm geht, und hören ihm zu. Auch das mobile Ärzteteam der Stadtmission besucht ihn. Der Arzt sagt, dass Michaels Beine wahrscheinlich amputiert werden müssen. Zwischenzeitlich bekommen wir wegen ihm mehrere Anrufe pro Nacht von besorgten Menschen. 

Michael weiß, dass er in das Krankenhaus muss. Widerwillig lenkt er ein, als ein Termin mit ihm vereinbart wird. Freitag soll er ins Krankenhaus gebracht werden. Als ihn ein Team am Freitag besucht, ist Michael nicht da. Sein Stammplatz ist leer, nur noch sein Schlafsack und zwei seiner Tüten liegen dort.

Angst vor dem Krankenhaus

Michael hat Angst. Sein letzter Krankenhausbesuch war für ihn traumatisch. Schon damals waren seine Beine offen. Er bekam 9 Operationen in nur drei Tagen und wurde sofort wieder entlassen. Die Krankenschwestern machten abfällige Bemerkungen, weil seine offenen Beine so stanken. Dann kam er in eine Notübernachtung, die er nach 3 Tagen wieder verlassen musste. Dann war alles wieder so wie vorher. Leben auf der Straße und Geld für den nächsten Schuss zusammenbetteln.

Einen Tag später, am Samstag, besuchen wir Michaels Stelle. Sie ist wieder leer. Wir fahren einmal ums Gebäude. Dann sehen wir ihn wieder. Wir parken den Bus neben ihm, steigen aus. Er schaut uns in die Augen. Er sagt: "Ihr ward gestern bei mir. Wir haben uns verpasst - ich dachte ihr kommt später. Jetzt hat es schon wieder nicht mit dem Krankenhaus geklappt." Wir sagen: "Dann klappt es halt heute." Er zeigt uns seine gefüllte Spritze: "Ich wollte mir gerade einen Schuss setzen." Wir sagen "Na und? Manchmal heilt und verändert uns genau das, wovor wir Angst haben." Er überlegt lange. Dann sagt er: "Gebt mir eine Stunde, dann komme ich mit." Wir lassen ihn alleine. Als wir zurückkommen sagt er "Wartet. Nur noch eine Zigarette." Seine Hand zittert. Dann richtet er sich unsicher auf. Humpelt in den Bus. Die Schiebetür knallt zu. Wir fahren durch die Nacht. Die Straßen sind leer. Michael sagt, er hat fünf Geschwister. Wir schweigen.

"Gut, dass du endlich da bist"

Als wir vor dem Bundeswehrkrankenhaus halten, ist alles für ihn vorbereitet. Der Pfleger zeigt uns das Zimmer. Michael humpelt durch den Flur und den Wartenden vorbei. Im Krankenzimmer sagt er "Ich stinke so doll" und fängt an zu weinen. Der Pfleger sagt "Na und? Das macht mir überhaupt nichts. Gut, dass du endlich da bist. Leg dich erst mal auf das Bett." Der Pfleger schneidet seine Hose auf. Er zieht die Augenbrauen hoch. Dann sagt er "Das wird wohl ein längerer Aufenthalt."

22 Stunden später wollen wir Michael im Krankenhaus besuchen. Als wir durch die Krankenhausgänge laufen, kommt eine Krankenschwester auf uns zu und fragt: "Wollen sie etwa zu Michael? Kommt mal mit, ich zeige euch, wo er liegt. Und übrigens: Danke für euren Einsatz!"

Ein neuer Anfang

Die Tür zu seinem Zimmer öffnet sich. Dort liegt jemand, aber ist das wirklich Michael? Seine zerzausten Haare und sein Bart sind komplett abrasiert. Um ihn herum ist alles weiß. Die Wände, die Bettdecke, seine Verbände an den Beinen. Seine Augen strahlen. Er sagt "Ich bin so froh, dass ich mich getraut habe. Heute Nacht hatte ich meine erste OP an den Beinen. Die Ärzte wollen mich hier mehrere Wochen behalten. Es ist so gut, hier zu sein."

Wenige Tage später können wir die Sorge um Michael an die Mobile Einzelfallhilfe abgeben. Der Mitarbeiter besorgt für ihn  Personalausweis, Krankenversicherung und Arbeitslosengeld. Er sagt "Ein Therapieplatz ist schon beantragt. Es macht Spaß mit Michael zu arbeiten. Er ist so motiviert."

Wenn ich an Michael denke, dann muss ich an unser Gespräch im Krankenhaus denken. Er sagte, er will einen Entzug machen und endlich los von den Drogen. Ich fragte ihn, wie oft er schon einen Entzug gemacht hat. Er sagte sechsmal. Seine nächste Therapie wäre die Siebte. Erst Tage später fällt mir ein, dass die Sieben eine heilige Zahl ist.

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