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25. Februar 2015

"Leben - wofür?!"

Arbeitet man regelmäßig in der Lehrter 68 mit, so begegnet man den unterschiedlichsten Menschen, Charakteren und Geschichten. Falsche Entscheidungen, zerbrochene Familienbande und Beziehungen, missratene Ehen, Alkohol, Drogen, Arbeitslosigkeit, Vertrauensbrüche, Unfälle, Selbstzweifel, Hoffnungslosigkeit, Flucht. Man könnte die Liste noch über mehrere Seiten weiterführen. Die unterschiedlichsten Gründe und Schicksale lassen Menschen in Not zu uns kommen. Wie gesagt, verbringt man viel Zeit "unten", so trifft man auch immer wieder auf die selben Menschen. Sie werden zu guten Bekannten, mit denen man sein Gespräch von der vorherigen Schicht weiterführt, deren Geschichte einen berührt, deren Sorgen einem am Herzen liegen. Nicht selten begegne ich ihnen in der Stadt oder am Hauptbahnhof, was mich jedes Mal aufs Neue freut. Hände werden geschüttelt, vom Alltag erzählt oder der gemeinsame Weg aufs Gelände der Notübernachtung angestrebt.

Blick in ein Regal mit KleidungSortierte Kleidung in der Zentralen Kleiderkammer

Am Mittwoch war ich für die Kleiderkammer eingeteilt: Entscheiden wer, welche Kleidung benötigt und erhält, sowie gleichzeitig für Ruhe im Aufenthaltsraum sorgen und Konflikten deeskalierend entgegenwirken. Bis auf einen kurz entflammten Schlagabtausch zwischen einigen Russen und Rechtsgesinnten, der geschlichtet werden konnte, verlief die Schicht bis halb elf relativ ruhig.

In der darauffolgenden Schließstunde wurde einer polnischen Frau gedacht. Sie war bekannter Stammgast in der Notübernachtung und den Montag zuvor tot am Hauptbahnhof aufgefunden worden. Sie wurde gerade mal 60. Ein polnischer junger Mann hielt die Andacht und stimmte danach sogar noch ein Lied in seiner Landessprache an, in das einige mit einsetzten. Es war schön, ihr wenigstens auf diese Weise einen persönlichen Abschied bereiten zu können und ihr gemeinsam zu gedenken.

Willen zum Leben

Wie schnell sich eine ruhige Schicht ändern kann, wurde mir danach wieder einmal vor Augen geführt. Grund dafür war ein jüngerer Gast, mit dem ich regelmäßig spreche, seinen Sorgen lausche und ihn versuche in irgendeiner Weise aufzubauen, ihm wenigstens ein Lächeln zu entlocken. Zusätzlich zu den Schmerzmitteln, die er anhand einer Verletzung benötigt, hatte er wohl noch andere Drogen genommen. Seine Augen hingen auf Halbmast und er konnte sich kaum klar aufrecht halten. Was er jedoch konnte, war, sich das Handgelenk aufzuritzen. Nicht das erste Mal. Aber diesmal direkt vor meinen Augen. Er spricht oft vom Sterben, vom Umbringen, vom Ende. Wütend riss ich ihm den spitzen Gegenstand weg, den er, da wir uns gut kannten, auch freigab. Ich blieb noch eine Weile bei ihm, wir sprachen von Sinn und Unsinn, davon, wer man denn überhaupt schon ist und von Gründen, am Leben zu bleiben.

Brot, im Hintergrund ein Wohnungsloser

"Wofür? Für was?!", blieb dennoch die Frage von ihm. Sein Blick provozierend direkt. "Weil du jung und klug bist, du die Chance hättest, Arbeit zu finden in deinem Land, was aus deinem Leben zu machen, eine Tochter hast, Familie sowieso, es Menschen, wie uns und deinen Freunden hier in der Notübernachtung gibt, denen du am Herzen liegst, weil du wertvoll bist und geliebt von Gott, weil es eine unheimliche Verschwendung deines Lebens wäre".

Was bleibt noch zu sagen? Das alles entspricht der Wahrheit, jedoch bleibt es die Entscheidung des Betroffenen, ob er diese Gründe einsieht, versteht, annimmt, etwas daraus macht. Ob er den Willen und die Kraft besitzt, Selbstzweifel zu zerstören und nicht sich selbst zerstören zu lassen. Nach einiger Zeit schlief er ein, den Kopf auf dem Tisch abgelegt, das Gesicht friedlich, wie bei einem Kind.

Das ist wirklich eine der schwersten Dinge für mich in der Notübernachtung. Wenn sich ein Mensch so vollkommen aufgegeben hat, die Hoffnungslosigkeit, manchmal bereits in so jungen Jahren. Und die eigene Hilflosigkeit. Dass ich außer Zeit, ein offenes Ohr und einem Gespräch nichts weiter geben kann. Ich kann ihm nicht ein neues Leben, eine Perspektive anbieten, wenn er selbst den Willen nicht besitzt und ich kann ihm auch nicht eine andere Vergangenheit schenken, sowie eine andere Lebenseinstellung. Nach dieser Nacht verließ ich die Notübernachtung sehr nachdenklich und betrübt.

Jede Schicht bleibt eben eine neue Überraschung, eine andere Herausforderung, beinhaltet andere Momente des Glücks, der Freude oder eben der Traurigkeit. Dennoch liebe ich es, meine Zeit dort zu verbringen.

Elisabeth Kraft (Lissy)
Freiwillige Berliner Stadtmission 2014/2015

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