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07. Dezember 2015

Namen machen Leute

Da ist er wieder. Abschiede in der Nü sind nicht immer von langer Dauer. „Auf Wiedersehen“, sagte er mir einige Tage zuvor und ging. Zwei Worte, die geradezu implizieren, dass man sich doch wieder über den Weg läuft. Ich begegne ihnen inzwischen mit Misstrauen und Stirnrunzeln. Der damalige Glanz und die Entschlossenheit in seinen Augen sind erneut dem klassischen, vom Alkohol trüben Blick gewichen. Die blutige Nase ist neu. Der schleppende Gang unverändert. Die Hoffnung ertränkt. Vor meinem inneren Auge lasse ich unser letztes Gespräch Revue passieren.

Schnurstracks hatte er direkt nach dem Einlass meine Bank angesteuert:

„Meine Dame. Morgen früh dusche ich, wechsle meine Kleidung und dann geht es rüber, zurück in die Heimat. Das Geld für die Fahrt habe ich zusammen. Das hier, das ist doch kein Leben. Ich schäme mich, so tief gesunken zu sein. Ich kann es. Ich schaffe es.“

Stolz war er über seinen Entschluss. Und die Hoffnung in seinem Blick, in seinen Worten, war ansteckend und hielt ein weiteres Mal meiner Skepsis den Mund zu. Für einen Moment hatte er sich gefunden - und schließlich doch wieder verloren. Meinen Mitarbeiter erstaunt das nicht:

„Die wenigsten leben in der Realität, Prinzessin. Wir leben in einer Illusion, in unseren Hoffnungen und Träumen, wie es sein könnte. Viele leben in der Zukunft, hoffen auf Morgen und was vielleicht irgendwann irgendwie sein wird. Dabei vergessen sie, das Heute zu genießen oder zu nutzen, um damit zu beginnen. Wieder andere leben in der Vergangenheit, hängen sich daran, wie es einmal war bzw. nicht mehr ist. Zeig mir jemanden, der im Jetzt lebt?“

Zum Glück ist Lumpi zum Trösten da. Lumpi hat haselnussbraune Augen, kurze dicke Beinchen und freut sich über jede Hand, die er abschlecken darf. Ihm ist völlig egal welchen Geruch, welche Hautfarbe oder wie viel Geld diese Hand besitzt. Ob sie von Wind und Wetter gezeichnet ist oder vielleicht nur noch vier Finger hat. Wir sollten uns ein Beispiel an Lumpi nehmen.

Ein Schritt raus aus der Anonymität

Zurück am Computer kann ich einen Blick auf die Treppe werfen. Bekannte Gesichter, eins nach dem anderen. Ich beginne die Namen einzutippen bevor die zugehörigen Personen überhaupt eintreten. Deutsche, russische, polnische, rumänische Namen. Kurze, lange, Buchstabensalate. Mit jeder Schicht werden es mehr, die ich mir behalten kann. Eine Herzensangelegenheit, die mir erlaubt, mein Gegenüber mit seinem Namen zu würdigen und willkommen zu heißen. Ein Schritt raus aus der Anonymität hin zu einem Ort, an dem ihn jemand ansieht und erkennt. Die Menschen auf unserer Treppe sind das nicht gewohnt - das zeigen ihre Reaktionen mehr als deutlich.

Anfangs sind sie verwundert, überrascht, halten mir immer noch unsicher und ungläubig ihren zum Teil zerbrochenen, ausrangierten Personalausweis hin. Fragezeichen in den Augen, warum dieses Mädchen denn bitteschön ihren polnischen Nachnamen weiß, der sogar buchstabiert vielen ein Rätsel ist. Sie bleiben stehen, durch ihren eigenen Namen aus der Bahn geworfen. Und dann kommt das Schönste überhaupt: Sie lachen. Strahlende Augen, Schmunzeln, Grinsen, Lächeln bis hin zu langen Lachanfällen. Ist es im Grunde nicht traurig, dass eine so kleine, eigentlich selbstverständliche, Geste einen Menschen so sehr berührt? Er ist nicht namenlos. Er ist auch nicht „der da“. Er heißt Marian. Namen machen Leute. Sie machen sie erst lebendig.

Lissy Kraft
Mitarbeiterin der Notübernachtung Lehrter Straße