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13. April 2016

Auch ein Haus, in dem Obdachlose den Winter nachts verbringen, braucht ein Maß an Ordnung, damit man sich heimisch fühlen kann. Also Klopapier in die Toiletten stellen, Bettlacken zurecht ziehen und den Salat mit Soße in der Schüssel verfeinern. Während dessen stehen die Gäste teilweise schon vor der Tür und nerven den Sicherheitsmann, der gelassen seinen Kaffee schlürft.
Der mit Sperrholz zu recht gezimmerte Durchgang führt vom Essensraum zur Toilette durch einen Garten. Die Winterluft vertreibt durch die geöffneten Fenster den Duft der Nacht.

Mit dem Ruf einer Kollegin kündigt sich Besuch an. Sekunden später steht sie in einer der offenen Glastüren, die Hände zusammenhaltend wie ein Schüsselchen. Über den Rand der Finger sieht uns ein Spatzenkind an.
„Oh je“ und „wie süß“ hören wir uns selbst sagen. Zum Glück hat sie Handschuhe an, bemerkt eine der Mitarbeiterinnen. Denn bekanntlich lässt das Muttertier keinen in ihr Haus, der nicht nach ihrer Familie riecht. Irritiert blickt das Kleine auf. So viele Menschenköpfe hat es vielleicht noch nie gesehen, schon gar nicht so nah. Sein zierlicher Körper ist mit Flaum bedeckt, worunter sich die Flügel mit einigen fertigen Federn abzeichnen.

"Der weiß ja nicht wohin"

Wir gehen mit ihm in den Garten und halten ihn in die Winterluft. Es schaut auf uns runter. Ein kühler Windzug strömt an uns vorbei. Das Kleine kuschelt sich in die tragenden Hände. Wir gehen fröstelnd wieder rein. Die ihn tragende Kollegin stellt sich mit ihm an die Heizung und fragt den befreundeten Mitarbeiter: „können wir ihn behalten? Der weiß ja nicht wohin.“

Er sieht sie mit schräg gelegtem Kopf an und lacht auf: „Na klar.“ Sie dackelt nun mit dem plötzlich fröhlich zwitscherndem Kerlchen durch die Räume, vom Eingang in den Speisesaal, durch den Schlafraum zurück zu einer Heizung. Immer wieder schüttelt der Kleine seine Daunen und streckt die Flügel über den Rand des umher wandernden Nestes. Die Kollegin steht am Eingang und redet mit einem Mitarbeiter, während der ihre Arbeit nun erledigt. Plötzlich hebt der Kleine ab. Er flattert über das Shampoo zum Rasierschaum. Und läßt sich auf dem Rand der Handtuchkiste nieder. Sie versucht, ihn wieder in ihre Finger zu bekommen. Er schlägt mit den Flügelchen aus, steigt auf und setzt sich auf den Schrank. Erleichtertes Stöhnen macht sich breit. Nur die Kollegin wirkt entsetzt.

„Wir nehmen auch wirklich jeden Vogel auf, oder?“

Der Kleine streckt wieder seinen Flügelchen aus und setzt sich auf ihren Kopf. Dort läuft ein bisschen umher, während sie erschrocken nach oben schaut und nach ihm zu greifen versucht. Die anderen sind nun alle da und biegen sich vor Lachen. Der Kleine hebt wieder ab und setzt sich auf ihrer Schal. Er zwitschert beistimmend zum Gelächter und scheint sich des Lebens zu freuen. Die Kollegin nimmt ihn in die Hände und streichelt ihn mit ihrer Nase.

Nur schwer können wir sie überreden, mit dem Kleinen wieder in den Garten zu gehen. Während einige sie beschwatzen, dass der Kleine nun mal ein Vogel ist, sprechen die anderen dem Spätzchen Mut zu. Sie hält ihn widerwillig in die Luft. Er streckt die Flügel aus und hebt ab. Seine Füßchen setzen ihn in einem Busch ab und er zwitschert uns an. Wir freuen uns und ermutigen ihn, weiter zu fliegen, wo er hin gehöre: „Wo ist Mama? Wo ist dein Nest?“ Unsere Kollegin sieht ihn traurig an. Die Hände hält sie ihm immer noch als Schüsselchen entgegen.

Der Kleine erhebt sich wieder, fliegt dem Gebäude entgegen und verschwindet in der Nacht. Sein Gezwitscher entfernt sich und verstummt. Wir jubeln, das wir jemanden sicher nach Hause bekommen haben und laufen wieder ins Warme. Unsere Kollegin sieht ihm traurig nach. Dann dackelt sie uns mit hängenden Händen hinterher. Einer der Kollegen kann sich seine Worte nicht verkneifen: „Wir nehmen auch wirklich jeden Vogel auf, oder?“

Isabel Otzowsky
Leiterin NÜ2 (Kopenhagener Straße)

 

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