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14. April 2016

Wunden des Lebens

Der Mann läuft mir torkelnd entgegen und begrüßt mich. Wir kennen uns seit einigen Wochen und er hatte einiges erzählt von seinem Leben. Aber das er so unsicher auf seinen Beinen ist, ist mir neu und beunruhigt mich.

Einmal die Woche haben wir Mediziner im Haus und heute hat er mit der Ärztin ein Date. Einige Tage zuvor hatte ich ihn darauf vorbereitet und da war es nur als begleitende Überprüfung seiner Gesundheit gedacht. Tatsächlich erscheint er. Dass er so wankt und schwankt, schiebe ich dem Alkohol zu. Die Ärztin weiß es besser.

Der Mann steht unsicher in der Tür. Die Ärztin begrüßt ihn und zeigt auf den Stuhl ihr gegenüber. Zögerlich setzt er sich. Schon fängt er an, ihr seine Geschichte zu erzählen. Aufmerksam hört sie ihm zu: Er spürt seine Füße nicht, manchmal muss er nachsehen, ob er seine Schuhe angezogen hat. Nach dem Aufstehen ist es am schlimmsten, dann muss er eine Weile gehen, bis er merkt, dass sie da sind. Seit einiger Zeit sind es auch seine Waden. Woher das komme, fragt sie ihn leise. Er hatte einen Unfall, erzählt er, und seiner Wirbelsäule war verletzt. Das ist sie wohl noch heute, nickt die Ärztin.

Es kann besser werden

Der Arzt hält die Hand

Sie lässt ihn aufstehen und ein Stück laufen. Sie beobachtet jeden seiner Schritte, wie er seine Füße auf den Boden setzt. Er wankt zur Wand, dreht sich langsam und kommt zu uns zurück. Sein Blick wechselt zwischen mir und ihr. Während dessen erzählt er, dass er aus seiner Wohnung geworfen wurde, schon lange keinen Job mehr hatte und von seinen Freunden nur noch wenige da sind, meist auch trinken wie er. Bei manchen Schritten verliert er leicht das Gleichgewicht und fängt sich mit dem anderen Fuß auf. Vorsichtig setzt er sich wieder.

Auf der Stirn der Ärztin sammeln sich Falten. Die Statik seines Körpers stimme nicht mehr, erklärt sie mütterlich. Seine Füße können ihm nicht mehr sagen, ob er sicher stehe oder nicht, ob er festen Boden unter sich habe. Seine Nerven sind es nicht, die ihn anschweigen. Die Nerven in der Wirbelsäule streiken und die Infos kommen nur langsam oder gar nicht zum Gehirn.

Er nickt. Sein Blick wandert zum Boden, zu seinen Füßen. Seine Augen sehen traurig aus. Aber es kann besser werden, lässt sie ihn wissen. Wenn er das Trinken lassen könne. Sie reicht ihm Vitamintabletten, die seinen Nerven gut tun werden, wenn er die regelmäßig nimmt. Hätte er eine Wohnung, würde er sich besser erholen können. Er lächelt sie an und dankt ihr mehrmals. Sie nickt. Als er wieder geht, sehen seine Augen nicht mehr so traurig aus. Er streckt seinen Rücken und lächelt. Es tut ihm gut, dass jemand zuhörte, sagt er noch, bevor er losgeht zu seinem Schlafplatz im Freien.

Einige Male war er da. Wochen später sagte er mir, dass er das nicht mehr brauche. Er hatte sich einen Wohnplatz in einem Wohnungslosenheim besorgt und konnte nun zu einem Hausarzt gehen.

Isabell Otzowsky
Leiterin der Notübernachtung Kopenhagener Straße (NÜ2)