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18. Februar 2016

Welche Chance hätte er gehabt?!

Es ist ein „ganz normaler" Abend in der Notübernachtung Lehrter Straße. Heute bin ich am PC eingeteilt. Das bedeutet, dass ich jeden Gast eintrage, der bei uns ankommt. Manchmal ist das ein wenig mühsam, weil man nicht immer auf Anhieb das Geburtsdatum oder den Namen der Menschen versteht. Aber mir machts trotzdem Spaß – so sehe ich jeden Gast an diesem Abend auch einmal persönlich.

Ungefähr zwischen halb 11 und halb 12 machen wir eine Pause an der Tür. Wenn wir nicht anderweitig gebraucht werden, haben wir dann Gelegenheit, uns mit den Gästen zu unterhalten. Als ich einen Moment unschlüssig im Aufenthaltsraum stehe, spricht mich ein Gast an, den ich schon seit einigen Wochen kenne. Nennen wir ihn Bastian. Ich setze mich zu ihm. Er erzählt mir, dass er heute von sechs anderen Männern angegriffen wurde. Einfach so. Gut, ein wenig Provokation sei wohl von beiden Seiten da gewesen…

Kurz danach kommt sein Kumpel dazu. Nennen wir ihn Denny.

Die beiden unterhalten sich und erzählen mir von den verschiedenen Handgreiflichkeiten und Auseinandersetzungen, die sie auf der Straße schon erlebt haben. Es geht um ausgeschlagene Zähne, blutige Fäuste, gebrochene Nasen und einen Kumpel, der versehentlich jemanden umgebracht hat, weil er eine Frau und ein Kind vor einem Angreifer beschützen wollte. Ich weiß gar nicht so richtig, was ich dazu sagen soll. Gewalt ist nicht das, was ich – im Gegensatz zu meinen Gesprächspartnern – für die Lösung schlechthin halte. Aber den beiden muss ich das wohl nicht erzählen.

Dann fängt Denny an, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Dabei spricht er schnell, springt immer mal wieder in der Zeit. Er hat Tränen in den Augen.

Denny kommt aus Hamburg. Er ist dort im Rotlichtviertel aufgewachsen.

„War schon als Kind mit Süßigkeiten bei den Nutten", scherzt Bastian.

Seine Mutter eine Prostituierte, sein Vater ein Zuhälter. Als er 18 Jahre alt war, hat er mit mehreren Messerstichen seinen eigenen Bruder ermordet. Weil der seine Freundin vergewaltigt hatte. Danach war er für einige Jahre im „Knast".

Als er dort wieder raus war, fing er an, auf Tod oder Leben zu kämpfen. In Tiefgaragen. Gegen Geld. 69 Kämpfe hat er gewonnen. Immer mal ein Kampf, immer mal eine gebrochene Nase. Dafür aber wieder Geld, um für einige Zeit über die Runden zu kommen.

Ich frage Denny, warum er diese Kämpfe gekämpft hat, wenn sie doch so gefährlich waren. Ich muss dabei an den Film „Fight Club“ denken. Irgendwie hab ich nicht gedacht, dass es so etwas Bizarres in meiner Umgebung wirklich gibt. Er antwortet: „Mit irgendwas muss man doch an Geld kommen.“

"Alles egal"

Dann frage ich ihn, warum er damit aufgehört hat. Er erzählt mir, dass sein letzter Kampf, sein 69. Kampf, ihn fast umgebracht hat. Mehrere gebrochene Rippen und noch andere Verletzungen. Offensichtlich ist ihm dadurch bewusst geworden, wie gefährlich diese Kämpfe tatsächlich waren.

Aber jetzt ist ihm sowieso alles egal.

Erst nach und nach wird deutlich, warum ihm „jetzt aber sowieso alles egal" ist: Denny hatte im Dezember einen längeren Krankenhausaufenthalt. Entlassen wurde er dort mit einer schlimmen Diagnose und einem gebrochenen Herzen. Seine Freundin, die ihn im Krankenhaus noch besucht hatte, ist von heute auf morgen mit ihrem gemeinsamen Kind abgehauen. Und Dennys verbleibende Lebenserwartung ist mit „Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium" rapide gesunken. Jetzt hält er die Schmerzen ohne Alkohol nicht aus.

Er erzählt mir von seinen unmenschlichen Bauchschmerzen, die ihn nachts vom Schlafen abhalten. Sein Urin ist blutig.

„Und er würgt sich jeden Morgen die Seele aus dem Leib", sagt Bastian.

„Ja", sagt Denny, „trockenes Würgen."

Aber jetzt ist ihm sowieso alles egal.

Mein Herz blutet

Ich finde keine Worte. Es ist auch Zeit zurück an den PC zu gehen. Es warten noch viele Leute draußen. Ich sehe Denny in die Augen und hoffe, dass ich ihm ein wenig Mitgefühl und Menschlichkeit weitergeben konnte. Ich drücke seine Hand und wünsche ihm alles Gute. Verwerfe die Idee ihm zu sagen, dass ich für ihn beten werde. Für ihn beten – das werde ich trotzdem. Er bedankt sich, immer noch mit feuchten Augen, und dann machen sich Bastian und Denny auf den Weg rüber ins Schlafhaus.

Erst abends, als ich zu Hause in meinem Bett liege, komme ich dazu, über Dennys Geschichte nachzudenken. Ich merke, wie mein Herz blutet.

Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium, das ist schlimm genug. Und das noch auf der Straße. Und nicht in einem mehr oder weniger gemütlichen Zuhause – mit eigenem Bett, eigenem Schrank, eigener Küche, eigenem Bad und vielleicht einer Frau, die ihn liebt, oder zumindest einem sozialen Umfeld, von dem er unterstützt werden kann.

Aber noch dazu: Auf was für ein Leben blickt er zurück? Ein Leben voller Gewalt, käuflichen Sex, Schmerz, Trauma, Angst, Verlust, Schuld. Vermutlich ohne viel Liebe, ohne viel Halt und Sicherheit. Sich durchboxen müssen. Irgendwie überleben.

Ein Leben, das im Hamburger Rotlichtviertel beginnt und vermutlich mit viel Schmerz und Leid auf der Straße enden wird.

Welche Chance hätte er gehabt ?!

Ich frage mich: Welche Chance hätte er gehabt?!

Während Dennys Erzählung noch in mir nachhallt, merke ich wieder einmal, wie wichtig Respekt und Mitgefühl im zwischenmenschlichen Miteinander sind. Man sieht Menschen ihre Lebensgeschichten nicht an. Und meistens haben diejenigen, die uns bizarr erscheinen, die aus irgendwelchen gesellschaftlichen Normen herauspurzeln, an denen wir uns in der Öffentlichkeit vielleicht manchmal stören, weil sie unangenehm riechen, unangenehm gekleidet sind oder sich unangenehm verhalten, die bewegendsten Lebensgeschichten. Die am meisten unter die Haut gehen, die am meisten berühren, die am meisten traurig stimmen und deren Resolutheit und Chancenlosigkeit einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Susanne Schürmann
Mitarbeiterin in der Notübernachtung Lehrter Straße (NÜ1)