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1. April 2018

BASIS

„Und wenn die Kälte draußen nicht mehr zu ertragen ist,
geh ich dahin wo's warm ist, zurück zu meiner Basis.“1

Blick über eine Brücke

Es ist der erste April und ich blicke zurück auf die letzten 151 Nächte Kältehilfe in der Notübernachtung I, in denen wir gemeinsam eine Basis bildeten. Nächte, in denen die Lehrter Straße 68 Standort, Stützpunkt, Grundlage, Festung, Notwendigkeit, Unentbehrlichkeit und Versammlungsort war für hundert bis zweihundert wohnungslose Menschen, welche die Kälte draußen sowie die Kälte in manchen drinnen nicht mehr ertragen konnten. „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“ , aber mindestens eine Basis, einen Zufluchtsort.

Niedrigschwellige soziale Einrichtungen von unserer immensen Größe werden oft beschrieben durch Worte wie Anonymität, Versorgung statt Beziehungsarbeit und permanenter Unruhe.

Natürlich kann ein Grund, warum Menschen sich bewusst für große und niedrigschwellige Notunterkünfte entscheiden, derjenige sein, dass sie aufgrund von gewissen Erlebnissen, Verfolgungswahn, Scham oder Angst unerkannt, unentdeckt und anonym bleiben möchten. Das ist vollkommen legitim und diese Möglichkeit besteht. Dass die meisten sich auf Dauer dennoch mit Mitarbeitenden und anderen Gästen erwärmen, für uns nicht namenlos bleiben, sondern vertraut werden, ist eher der Fall.

Lukasz, Steffen, Rebecca, Miroslaw, Nicolae, Viola, Ionel, Peter, Roberts, Christine, Aldis, Marijonas, Gisela, Klaus, Krzysztof, Ryszard, Gheorge, Valentina, Armin, Günther, Anna.

Jeder unserer Gäste hat einen Namen, mit dem er oder sie begrüßt, angesprochen und verabschiedet wird. Selbstverständlich sollte in einer Notunterkunft in erster Linie die existenzielle Versorgung gewährleistet werden. Keine Frage. Doch 151 Nächte sind eine zu lange Zeit, um auf dieser Ebene zu verweilen - insbesondere wenn manche bereits mehrere Jahre zu uns kommen - die Nü I ist ein zu kleiner Ort, um nicht permanent in Beziehung zu treten und die alltäglichen Erlebnisse zu nah am Menschen, zu intim, um Fremde zu bleiben.

1 Aus: Sido feat. Adel Tawil – Zuhause ist die Welt noch in Ordnung
2
Aus: Feine Sahne Fischfilet - Zuhause
Straßenaufkleber "Bis wir nicht mehr nirgendwer sind."

Wir bieten den Menschen eine vorübergehende Basis, wir geben Suppe und Salat aus, bieten medizinische Hilfe und eine Kleiderkammer an, wir stellen trockene Schlafplätze zur Verfügung, bemühen uns eines Schutzraumes, deeskalieren, geleiten taumelnde Schritte sicher ins Warme, trotzen Unmut und jeglichen Geruchskulissen, ernennen Absurdität und Skurrilität zum neuen Selbstverständnis, geben Zeit, Informationen, Ratschläge oder flache Witze zum Besten.

Dafür treffen wir auf unheimlich spannende Menschen und Biographien, werden in persönliche Lebensgeschichten mitgenommen, lernen Lebensentwürfe kennen - bunt wie Kanarienvögel - und lassen uns berühren von der Solidarität und den großen Gesten „klein“ degradierter Leute. Wir lernen zu entschleunigen, langsamen Schritten ihre Zeit zu lassen, sowie stockenden Worten bis zum Ende ein Ohr zu schenken. Aber am meisten lernen wir mit dem Herzen zu sehen, und das ist so sehr wahr wie es auch kitschig klingen mag. Denn da vor uns, da steht ein Mensch. Der hat vielleicht echt viel durchmachen müssen, das hat er sich nicht ausgesucht. Doch irgendwann hat er die miese Entscheidung getroffen, die Flucht im Alkohol zu suchen- und gefunden. Und dass er jetzt langsam dement wird, mir Geschichten stets zwei, drei oder zwölfmal erzählt, dass er vergisst, rechtzeitig die Toilette aufzusuchen und nach Urin riecht, das ist verdammt traurig, ja, aber das ändert nichts daran, dass ich ihn von Herzen echt gerne mag. Und vom Naserümpfen wird seine Kleidung übrigens nicht sauber, aber sehr wohl vom Duschen und neu Einkleiden. Das ist gar kein Problem in der Basis.

Aufkleber mit "Harte Liebe"

Es bereitet mir Magenschmerzen zu wissen, dass so viele Menschen sich nun einen neuen Zufluchtsort suchen müssen, diesen womöglich aber nicht finden. Dass sie körperlich und seelisch gar nicht dazu in der Lage sind. Ich weiß leider, dass sich in den nächsten Wochen immer wieder Gäste in die Lehrter Straße verirren werden. Ein Automatismus des Körpers, den Ort aufzusuchen, an dem er jüngst zur Ruhe kommen konnte. Zurück zur Basis eben. Was mich dennoch etwas beruhigt, ist der Fakt, dass dieses Jahr einige Notübernachtungen ihre Laufzeiten verlängern. Stützpunkte, an denen einmal weniger die Nase gerümpft, als hingeschaut wird. Danke!

Wand mit Aufschrift: Gib niemals auf

Es ist der erste April und ich habe die Basis heute um 9.30 Uhr zum letzten Mal für diese Saison verlassen. Es gab einen Abschlussbrunch, 300 Eier wurden am Tag zuvor eingefärbt und Abschiedsgeschenke in verschiedenen Sprachen verpackt. Berührend viele Mitarbeitende waren an diesem Sonntag extra früh aufgewacht, um mit anzupacken, da sein und sich verabschieden zu können. Brötchen wurden in Teamsport geschmiert und zusammen mit O-Saft und diversen Süßigkeiten an den bunt dekorierten Tischen verteilt, während in der Kleiderkammer der Slogan „Alles muss raus!“ herrschte und letzte Informationsbroschüren bzw. Wegbeschreibungen zu Gitarrenakkorden und gemeinsamen Liedern verteilt wurden. Tränen flossen, Gäste nahmen Mitarbeitende und umgekehrt in die Arme – oder wahlweise in den Schwitzkasten - es wurde spielerisch gerangelt und gescherzt, Fechtkämpfe mit Papprollen ausgetragen, unfähig und nicht bereit sich jetzt schon mit der Trauer und dem Ende auseinandersetzen zu müssen.

Manchmal tut es eben gut, sich nur auf den Moment zu konzentrieren und sich an der Schönheit dessen zu erfreuen. Alles andere kommt sowieso früh genug. In diesem Sinne heißt es wieder: Tschüss liebe Nü und bis zur nächsten Saison!.

Lissy Kraft
(Mitarbeiterin der Notübernachtung I
der Berliner Stadtmission)