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26. Januar 2018

Durch diese Nächte

Ich mag diesen Titel! Mein Kollege Matze, der mich vor Jahren als Fahrer des Kältebusses einwies, hat unter diesem Titel ein wunderschönes Video gedreht. Schaut es Euch an und Ihr werdet verstehen, wie segensreich dieses Ehrenamt sein kann! „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn.“. Es gibt nichts Schöneres, als nachts in diese Stadt rauszufahren und Menschen zu helfen!

Am 26.01.2018 war es so weit – meine geschätzte Beifahrerin Sophia und ich fuhren das erste Mal in diesem Winter wieder gemeinsam raus. Und ich kann es Euch sagen: Diese jahrelange Erfahrung der Zusammenarbeit im Team ist etwas Wunderbares und ließ wieder einmal einen völlig entspannten Abend der Unterstützung und Hilfe folgen, der natürlich nicht wie vorgesehen um 03:00 Uhr, sondern eine Stunde später endete.

Kältebus von hinten

Es war in der Tat nicht kalt, 8 Grad Ende Januar, das ist nicht richtig Winter. Gott sei Dank und zum Glück für unsere Gäste, insbesondere die, die nie in eine Notunterkunft mitgehen wollen. Da das Telefon anfangs nicht bimmelte, besuchten wir „alte“ Bekannte. Zuerst ging es zu einer Dame im Wedding; sie war umgezogen und wir mussten sie suchen. Wir kennen sie seit vier bis fünf Jahren, immer im gleichen Kiez unterwegs, kommt nie mit... Was unternimmt man in einem solchen Fall? Man/frau hält Kontakt, führt ein Gespräch, fühlt, ob die Hände warm sind, fragt, ob es gesundheitliche Beschwerden gibt... Nichts von alledem! Einen Kaffee mit Milch? Nö, lieber einen Tee. Schogetten gern, Schokowaffeln? Nein!  Aber die von meiner Nachbarin gestrickte rote Mütze ist der Bringer! Mit strahlenden Augen wird die Mütze keck über den Kopf gezogen .. wir verabschieden uns, wünschten ein schönes Wochenende und versprachen, wieder zu kommen.

Auf zum Kanzleramt

Dann ging es zu einem Paar bei einer stadtbekannten Berliner Sehenswürdigkeit. Sophia und ich haben die beiden vor Jahren an einem 1. Januar gefunden: Am 1. Januar den KB zu fahren ist sehr relaxt, wenige rufen an, die Berliner und Berlinerinnen lecken ihren Wunden von Sylvester und wir haben die Gelegenheit, neue Orte aufzusuchen. Und so lernten wir Manfred und Katrin kennen (Anm.: die im Text verwendeten Namen sind frei erfunden). Es drohte eine Räumung der wohlgeordneten „Platte“. Manfred meinte aber, es wäre so weit alles in Ordnung. Da hier telefonischer Kontakt besteht, sagte ich ihm, er soll sich melden, wenn eine Veränderung ansteht. Das wird er tun. Wir wollen die beiden ja finden, wenn sie umziehen müssen. Ein Tee, Unterwäsche und ein Schlafsack halfen für den Moment. Wir verabschiedeten uns auch hier bis nächsten Freitag.

Und dann fuhren wir zum Kanzleramt: Direkt im Blickfeld von Angela liegt seit Wochen ein Mensch im Rosengarten, im Freien, unter einer Plane, ohne weiteren Schutz. Ich habe ihn schon drei Mal angesprochen - immer mit demselben Ergebnis: Er rennt weg, schimpft lautstark über Kirche, Religion und Stadtmission und wir sollen verschwinden. Ich habe mich entschlossen, jedes Mal ein paar Kleinigkeiten zu hinterlassen, vielleicht kommen wir ja darüber einmal in Kontakt.

Das Nachtcafé der City-Station rief uns: Leider konnten drei Gäste wegen Überbelegung keinen Schlafplatz mehr finden. Wir also los nach Halensee. Da ich dort Montag abends gern ein wenig mithelfe, gab es ein großes Hallo – die Herren Michalik, Wohlgemut und ein dritter, nicht näher bekannter Gast, konnten keinen Schlafplatz mehr ergattern. Wir fuhren die Drei in die große Notunterkunft in die Lehrter Straße.

Bild von Lehrter Straßenschild

Von der Charité nach Kreuzberg

Die Rettungsstelle der Charité avisierte einen Herren, der nach kurzer psychiatrischer Behandlung einen Schlafplatz für die Nacht suchte. Auf Sophias Bitte hin organisierte die Rettungsstelle selbstständig eine Unterkunft. Toll, wie manche Menschen mitarbeiten! Wir fuhren den Herren in die Franklinstraße, wo er schon erwartet wurde. Wir nahmen von dort noch eine Kiste überaus leckerer Kuchen und Tartes einer französischen Gourmetbäckerei mit und brachten sie später zu den Gästen in die City-Station.

Ein nächster Anruf eines aufmerksamen Mitmenschen brachte uns in die Oranienstraße nach Kreuzberg. In einem Hauseingang sollte dort ein/e Obdachlose/r ohne jeglichen weitern Schutz sitzen. Wir mussten suchen und fanden dann einen großen Rucksack mit einer Kappe obendrauf. Bei näherem Hinsehen lugten Schuhe aus dem Rucksack hervor ... Ich berührte den „Rucksack“ ganz vorsichtig und bemerkte, dass es keiner war! Es entspann sich folgender kurzer Dialog:

„Hallo, wir sind vom Kältebus der...“
„Verpiss Dich!“
„Können wir Ihnen helfen oder vielleicht einen Tee...“
„Ich hab‘ gesagt, Du sollst Dich verpissen!!!“
„Brauchen Sie vielleicht Hilfe oder Unterstützung...“
„Wenn Du nicht gleich abhaust, haue ich Dir eine rein !!!!!!“

Wir verabschiedeten uns von der Dame – ganz schnell – und wünschten ein schönes Wochenende. Auch das gehört dazu, wir können Menschen nicht zwangsbeglücken.

Blick aus dem Kältebus

Es folgten Hinweise von zwei Polizeiabschnitten

In Wilmersdorf wurden wir zu einem „alten“ Bekannten gerufen. Ich bin in diesem Winter schon zweimal zu ihm gefahren. Maternus aus Regensburg freute sich über das Wiedersehen: „Schön, Euch zu sehen. Dich mag ich! Heut‘ habe ich zu viel getrunken“. Wir fuhren ihn auf direktem Wege zur Lehrter Straße. Neben einem Essen waren hier dringend eine Dusche und neue Klamotten fällig.

In Kreuzberg wurden wir zur Admiralsbrücke gerufen. Die Polizei gewährte einer Dame in ihrem Wagen Unterschlupf. Wir baten Sie freundlich mitzukommen. Sie war fix und fertig und weinte: Rucksack geklaut, Papiere weg, Geld weg und nach Cottbus geht sie auch nicht mehr zurück: Da würden sie alle nur mobben.

Auf dem Weg zur großen Notübernachtung nahmen wir noch einen älteren Herren mit, der in einem Wartehäuschen einer Haltestelle saß und fror. Unser letzter Weg führte uns wieder weit in den Norden. Ein junger, sehr ordentlich gekleideter Mann saß ebenfalls in einem Wartehäuschen und freute sich, mitzukommen. Es war ca. 03:30 Uhr: „Ich bin vollkommen fertig, ich kann keinen Meter mehr laufen!“

Es war in dieser Nacht nicht wirklich kalt, wir hatten auch nur wenige, geschätzt 20 Anrufe. Aber: Wir fuhren acht Menschen und brachten sie für diese Nacht in die Wärme, sie konnten sich ausruhen, ein wenig Schlaf finden und etwas essen. Das ist gut so. Spätestens um 9 Uhr am Samstag mussten sie alle wieder raus.

Oliver Stemmann
(Ehrenamtlicher Kältebusfahrer)