SPENDENKONTO

IBAN:
DE63 1002 0500 0003 1555 00
BIC: BFSWDE33BER

Bank für Sozialwirtschaft
Verwendungszweck:
Kältehilfe

Ansprechpartner

Ulrich Neugebauer

Nummer für Spendenanfragen:
Tel.: 030-690 33-510

Spenden-Button
Button Mission

4. Januar 2019

Auch die scheinbar stärksten Grizzlybären weinen. Das weiß ich seit mindestens vier Jahren, in denen die Arbeit in der Notübernachtung meine halben Winternächte füllt.

Diesmal ist Heiligabend und Jurek sitzt mir gegenüber. Obwohl um uns herum der bunte Trubel der Weihnachtsfeier tobt, welche die Berliner Stadtmission alljährlich für Wohnungslose und Bedürftige organisiert, sind es die stillen Tränen des polnischen Mannes, welche mir laut in den Ohren klingen. Was diesen gestandenen großen Mann mit den meeresblauen Augen und seiner vom Wetter und der Welt gezeichneten Haut zum Weinen gebracht hat? Die schlichte Erkenntnis, dass wir ihn seit vier Jahren beim Namen nennen, ihn hier wiedererkennen, ihn sehen und ihm unser Gehör schenken. Denn das sei er sonst nicht gewohnt, wie er mir in unserem Gespräch aus polnisch-deutschem Obstsalat und spektakulärer Handakrobatik verrät - bevor er mich mit Krokodilstränen im Gesicht umarmt.

Sechs Jahre ist er nun hier - „wegen der großen Liebe“. Doch die Liebe ist schon längst gegangen, hatte der Traurigkeit zum Abschied die Klinke in die Hand gedrückt, deren Besuch es auf Dauer nur unter hohen Prozenten zu ertragen galt. So wurde der Kummer in Alkohol ertränkt, mit ihm jedoch auch die Kontrolle über das alltägliche Leben. Aus einst hoffnungsfrohen Perspektiven auf Arbeit und gemeinsames Wohnen wurde irgendwann eine große Realität: die Straße. Ich mache Jurek keinen Vorwurf, sondern meine Jackentasche auf, um ihm ein Taschentuch zu reichen. Wir Menschen mögen hochkomplexe Technologien entwickeln, die höchsten Dächer der Welt erbauen und ferne Planeten bereisen. Doch was Liebe, Zwischenmenschliches und Emotionalität angeht, so bleiben wir allesamt verletzliche Kinder.

Auf der Straße kam dann ein weiterer hartnäckiger Wegbegleiter hinzu und machte es sich ungefragt an Jureks Seite bequem, um zu bleiben: Die Scham. An eine Rückkehr nach Polen war in dieser Verfassung nicht zu denken. Wenn er erst einmal Arbeit hätte, eine Dusche und einen klaren Kopf, dann würde er seinen einstigen Landsleuten, Nachbarn, ja, sogar der Familie wieder begegnen können. Ganz sicher…

Steinmauer mit Schriftzug: "Gib niemals auf"

Seitdem begegnen Jurek tagtäglich unzählige Passanten auf den Straßen Berlins. Die Meisten sehen ihn nicht. Die Wenigsten erkennen ihn wieder, hören ihm zu, oder nennen ihn gar beim Namen. Viele dagegen verurteilen ihn. Weil er trinkt. Weil er wohnungslos ist. Weil er an Beidem nichts ändert.

Gerne würde ich in solch‘ Momenten da sein, um den Stimmen zurufen zu können: Weil es so einfach nicht ist. Weil Alkoholabhängigkeit eine Krankheit ist. Weil sie physische und psychische Gebrechen mit sich zieht, genauso wie das Leben auf der Straße. Weil er nicht krankenversichert ist, keinen Leistungs-oder Therapieanspruch besitzt, um darin unterstützt zu werden, sich von der Abhängigkeit zu lösen. Weil Scham, Hoffnungslosigkeit und gesellschaftliche Kälte einen Menschen zerfressen und ihm jeglichen Glauben an sich selbst und die Zukunft rauben können. Weil jeder Mensch in diese Situation geraten kann. Weil wir alle verletzlich sind. Auch die scheinbar stärksten Grizzlybären.

 

Lissy Kraft