Menschen und Geschichten
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  • 21.11.2022

Großes Bedürfnis nach Freiheit

Er sitzt am E-Piano, seine Finger berühren kraftvoll die Tasten, mit den Zähnen beißt er sich auf die Lippen. Zum 25sten Jubiläum der Wohnstätte Rahnsdorf be-gleitet Christoph Witte in einem großen Partyzelt die Band des Beschäftigungs- und Förderbereichs. Ebenfalls dabei sind sine Mitbewohnenden Oliver, Klaus-Peter, Kathi, die nach Kräften immer wieder aufs Becken haut, Musiktherapeutin Susanne Walz und ihre Kollegin Gini Görsdorf. Christoph Witte hat ein besonderes Gehör für Musik: Ob Schlager, Lobpreis oder Mozarts Sonatinen – er liebt die Klassik, hat aber auch alles andere drauf. Dass der 34-Jährige blind ist, und wie alle Bewohnenden eine geistige Behinderung hat, fällt bei dem Oper-Air-Auftritt vor großem Publikum nicht weiter auf.


Erst wenn Christoph Witte seine Hemdknöpfe zumachen will, spielen seine Finger ihm immer wieder Streiche. Auch darum besucht der junge Mann statt einer Werkstätte wochentags den Beschäftigungs- und Förderbereich bei der Berliner Stadtmission. Auf dem Weg dorthin müssen die Betreuenden achtsam sein: Chris-toph Witte hat ein großes Bedürfnis nach Freiheit und flitzt am liebsten alleine los. Mit einem Blindenstock kann er sich nicht orientieren. Aber Handläufe im Trep-penhaus und gespannte Seile entlang der Blumenbeete im Garten weisen ihm den Weg. So kommt er in nur wenigen Minuten an. Aus dem „Sommerhaus“ mit den drei Räumen, erklingt Musik. Eine Bewohnerin liegt in einem Zimmer auf der Couch. Sie entspannt, eingekuschelt in Decken und Kissen.

 

Den Ankommenden bieten Ergotherapeutin und Leiterin Cornelia Leister mit ih-rem Team zahlreiche kreative Beschäftigungen an. „Was Christoph am Klavier sehr gut schafft, kann er oft nicht in den Alltag übersetzen“, erklärt Cornelia Leis-ter. Unterschiedliche Materialien zu erfühlen, mit Schablonen zu malen, Schrau-ben von einem Brett zu lösen, sind nur einige Übungen, um die Feinmotorik zu schulen. „Durch den Beschäftigungs- und Förderbereich wollen wir die Alltags-selbständigkeit der Menschen so hoch wie möglich halten“, sagt Cornelia Leister. Das war früher anders. Noch vor der Wende hat sie angefangen, mit Menschen mit Behinderung zu arbeiten.


Heute stehen Integration und Inklusion auf der Agenda. In Rahnsdorf hat Cornelia Leister zusammen mit Wohnstättenleiterin Annette Bartusch gerade ihr 25-Jähriges Dienstjubiläum begangen. Auch Musiktherapeutin Susanne Walz arbeitet schon seit mehr als 20 Jahren am Mühlenfließ, wo früher Korn zu Mehl gemahlen wurde. Ein großer Mühlstein im Garten und ein kleines Bächlein sind die letzten Zeugen dieser Zeit.


Auch Susanne Walz gehört zum Beschäftigungs- und Förderbereich. Sie studiert mit den Teilnehmenden Lieder ein, macht Musik und übt mit Christoph Witte, was er beim wöchentlichen Unterricht mit seiner Klavierlehrerin an der Musikschule Karlshorst erarbeitet. Fröhliche Stücke liegen ihm. Zudem ahmt er vieles nach, was er hört. „Das können Tierstimmen sein, aber auch Menschen“, weiß Susanne Walz. „Durch sein Klavierspiel, spürt Christoph sich selbst. Und erhält dafür viel Anerkennung.“  

 

Das freut auch Christophs Eltern. Vater Michael Witte weiß seinen Sohn bei der Berliner Stadtmission in guten Händen: „Es ist schön, dass Christophs Fähigkeiten gefördert werden. Er hat hier eine Aufgabe und ist ein vollintegriertes Mitglied der Wohngemeinschaft“, sagt er.  Gerne ist Christoph Bandmitglied. Neben der wö-chentlichen Probe bittet die Musiktherapeutin auch zum gemeinsamen Trommeln in die Villa Musica. Dabei kommen auch Rasseln, Kuhglocken oder Klanghölzer zum Einsatz. „Jeder soll bei uns etwas finden, dass er kann und worin er gut ist“, erklärt Susanne Walz. Sie arbeitet mit ihren Kolleg:innen gegen eine Art der ge-lernten Hilflosigkeit an. „Wenn mir jemand sagt: Das kann ich nicht, dann sage ich: Das glaub ich nicht. Versuche es doch mal“, erklärt die 53-Jährige. Sie ist davon überzeugt, dass jeder Mensch, der selbst etwas schafft, am Ende glücklich ist. Alle sollen so selbstständig wie möglich werden – das gehört zu den wichtigsten Zielen des Beschäftigungs- und Förderbereichs.


Die Wohnstätte Rahnsdorf ist schließlich kein Krankenhaus, sondern eher eine große Wohngemeinschaft aus drei Haushalten mit je neun Bewohnenden. So viel Hilfe wie nötig, ist das Motto. Alle Bewohnenden haben Aufgaben im täglichen Miteinander: Sie holen die Post, schmieren Brote oder legen Beutel in Teekannen.


Die Schritte in die Selbstständigkeit sind mühsam und der Weg dorthin ist lang. Aber immer wieder schaffen es Menschen, ihr eigenes Leben zu gestalten. So wie Manuela Gielow und ihr Freund. Das Pärchen konnte vor einiger Zeit in eine eige-ne Wohnung unterm Dach ziehen und wird dort betreut. Christoph Witte wird wohl nie alleine wohnen. Aber er wird immer wieder neue Stücke von Mozart und Haydn spielen, daran weiterwachsen und seinem Publikum damit viel Freude machen